„Ich brauche meine tägliche Dosis.“

Lea, 31

Bittere Diagnose: „Zucker“

Origami – die traditionelle asiatische Kunst des Papierfaltens – ist Leas große Leidenschaft. Dass sie Origami toll findet, erkennt man auch direkt an ihrem Falt-Tattoo auf dem rechten Unterarm. Wenn sie Zeit dazu hat, faltet Lea in stundenlanger Arbeit kunstvoll hunderte von Origami-Kranichen und hängt die schönsten von ihnen an feine Fäden von der Küchen- und Wohnzimmerdecke oder verschenkt sie an Freunde und Familie. Doch Origami ist nicht das einzige außergewöhnliche Hobby der 31-Jährigen. Lea teilt zusammen mit ihrem Freund Robert die Faszination für Straßenkunst, insbesondere für Graffitis. Sie sprayt dort, wo es erlaubt ist und übt an einem sogenannten „Masterpiece“, wie es im Jargon der Sprayer heißt, einem Meisterstück. Ihr ganz persönliches Meisterstück legt Lea aber auch ganz ohne Graffitis ohnehin jeden Tag bereits hin: Die 31-jährige Sozialarbeiterin meistert ihr Leben seit fünf Jahren mit der Diagnose „Diabetes mellitus Typ 1“.

Zuckerkrank. Eine bittere Diagnose, weil Diabetes nicht heilbar ist. Aber Lea weiß damit umzugehen. Essenszeit, ein Handgriff: Lea zupft an einer Verpackung aus der Apotheke. Sie zieht die sterile Lanzette heraus, pikst sich mit der Stechhilfe seitlich in die Kuppe ihres linken Zeigefingers und hält den Blutstropfen an den Streifen des elektronischen Messgerätes, das ihren Blutzuckerwert ermittelt. Auf das im kleinen Display angezeigte Ergebnis kann sie sich verlassen. Ihre Apotheke kalibriert das Gerät regelmäßig. Zuckerwerte kontrollieren, Insulin spritzen, Kohlenhydrate im Essen berechnen… Für Lea ist das alles längst tägliche Übung geworden.

Ihr kleines Notizbuch, das sie immer im Rucksack bei sich trägt, dient als Stütze beim Alltagsmanagement. Dort schreibt sie Datum, Uhrzeit und „Broteinheiten“ hinein. Die geben die Kohlenhydrat-Menge in Nahrungsmitteln an. Eine Broteinheit (BE) entspricht etwa zwölf Gramm Kohlenhydraten. Ein Apfel beispielsweise zählt zwei BE, eine Brotscheibe ebenso. Eine Hand voll Nudeln entspricht etwa einer BE.

Kohlenhydrate zählen

Lea ist nicht anders als andere Menschen. Und isst deshalb auch nicht anders. Darin wird sie auch immer wieder von ihrer Stammapothekerin bestärkt, wenn sie mit ihr über Nährwerte plaudert und sich von ihr zu gesunder Ernährung beraten lässt. Aber Lea hat verinnerlicht, wie viel Energie ihr Körper mit jedem Happen gewinnt. Sie hat Kohlenhydrate zählen gelernt. Sogar auf dem Wochenmarkt, wenn sie an diesem einladenden Marktstand einen dampfenden Cappuccino bestellt. Dazu diese fingerdicke Scheibe Vollkornbrot, reichlich belegt mit würzigem Käse. Eine drei. „Vielleicht doch besser eine vier“, schätzt Lea und bringt diese Zahl in der entsprechenden Spalte zu Papier. Den gleichen Wert hätte sie für drei bis vier mittelgroße Kartoffeln eintragen müssen.

Lea redet über ihre Krankheit, „weil mir das blöde Situationen erspart.“ Trotzdem kann sie noch immer nicht ganz über diese Blicke von anderen hinweg schauen. Dann, wenn sie die feine Spitze des „Insulin-Pens“ auch mal in aller Öffentlichkeit auf ihre Bauchfalte setzen muss, um sich den Hormonersatz zu injizieren. Früher, als für sie die Diagnose noch frisch war, hat Lea in diesen kurzen Augenblicken sehr gelitten. Wegen der Vorurteile, dass sie sich ihren Diabetes durch einen ungesunden Lebensstil selbst zuzuschreiben habe.

Diabetes Typ 1 ist Schicksal

Anders als die deutlich weiter verbreitete Diabetes Typ 2, deren maßgebliche Risikofaktoren Übergewicht, Bewegungsmangel und übermäßiger Konsum von Industriezucker sind, ist Leas Zuckerkrankheit die sehr viel seltenere Typ-1-Diabetes. Die hat keine greifbaren Ursachen. Die Betroffenen passen in keine Schublade. Die Bauchspeicheldrüse hört von jetzt auf gleich auf, Insulin zu produzieren – das Hormon, das die Aufgabe hat, den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Körperzellen zu schleusen, die ihn zur Energiegewinnung benötigen.

Lea bemerkt im Sommer des Jahres 2012, „dass da was nicht stimmt“. Sie verspürt nie enden wollenden Durst, fühlt sich ungewohnt schlapp, verliert als ohnehin schlanke junge Frau sieben Kilogramm an Körpergewicht. „Und ich war ständig gereizt.“ Weil sie vor dem Studium eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert hat, ahnt sie, welche Diagnose ihr bevorsteht. „Und deshalb wollte ich zunächst gar nicht zum Arzt gehen.“

Als Lea dann doch in der Praxis ist, wird ein Blutzuckerwert von 510 bei ihr festgestellt. Extrem hoch. Mit dieser enormen Überzuckerung droht sie ins Koma zu fallen. Der Normalwert liegt bei etwa 100. Der Wert gibt den Glukose-Gehalt im Blut in Milligramm pro Deziliter an.

Gut zwei Jahre nach der Diagnose, sagt sie, „war ich mit der Krankheit vertraut“. Seither müht sie sich dreimal in der Woche im Fitnessstudio, fährt ganz viel Fahrrad und bei ihrer Arbeit in einem Wohnheim mit gehandicapten Menschen „mache ich nichts anders als andere“. Als Patientin mit Typ-1-Diabetes muss sie zwar bei körperlicher Betätigung ein wachsames Auge auf ihre Blutzuckerwerte werfen, da diese bei Anstrengung stark absinken können. Lea aber ist darauf vorbereitet, gut geschult und beraten.

Mit innerer Ruhe auf Japan-Reise

Dass Leas rechter Oberarm ein Origami-Tattoo trägt, ist keinem Modetrend geschuldet. Es zeigt ihre Lebenseinstellung. Origami-Motive gelten als Zeichen der Hoffnung und der inneren Ruhe. Diese innere Ruhe nimmt sie mit, als sie und ihr Freund Robert im Januar 2017 nach Japan reisen.

„Kurz vor Reisestart hat mir meine Apotheke eine frische zweite Portion meines Basalinsulins nach Hause vorbeigebracht, während ich noch Koffer packte und für nichts anderes Zeit finden konnte“, erinnert sich Lea: „So hatte ich dann wirklich von allem die doppelte Ration mit in Japan. Sicher ist sicher – und ich konnte beruhigt reisen.“

Wie Lea mit ihrer Krankheit umgeht, weiß Robert. Er kennt seine Freundin genau: „Ganz wichtig zu beachten ist, sie keinesfalls mit übertriebener Fürsorge zu nerven.“ Und mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Weil das kann dann bitter werden.“

Drei Fragen, drei Antworten zur Typ-1-Diabetes

Welche vorbeugenden Maßnahmen gibt es, um Typ-1-Diabetes zu verhindern?
Leider keine. Diabetes Typ 1 ist nicht von den Lebensgewohnheiten abhängig. Erkenntnisse darüber, wie die Krankheit verhindert werden kann, sind nicht verfügbar.

Bedeutet, an Diabetes Typ 1 erkrankt zu sein, lebenslang Diät halten zu müssen?
Nein, das galt nur früher einmal. Aktuelle Empfehlungen lauten vielmehr, dass die Ernährung von gesunden Menschen und Patienten mit Diabetes Typ 1 sich kaum unterscheiden muss. Wer sich ohnehin ausgewogen und gesund ernährt, braucht sich nicht einzuschränken.

Wie weit verbreitet ist die Diabetes Typ 1?
Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kinder- und Jugendalter. In Deutschland leiden annähernd 0,4 Prozent der Bevölkerung an Diabetes Typ 1. Das sind fünf Prozent aller Diabetiker.

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