„Mir schmeckt das Leben auch ohne …“

Evelyn, 33

Ohne Magen – mit Hoffnung

Evelyn lebt in Göttingen. Einen Magister-Abschluss hat sie bereits in der Tasche, trotzdem verbringt sie die meiste Zeit an der Uni. Sie bereitet sich noch auf‘s Staatsexamen der juristischen Fakultät vor und arbeitet in der Universitätsbibliothek an der Ausleihe. Evelyn ist eine junge Frau mit ehrgeizigen Zukunftsplänen – und dennoch ist ihre Geschichte keine von vielen. Mitten in den Prüfungsvorbereitungen trifft sie die Diagnose wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Magenkrebs.

Bei Menschen in ihrem Alter, Anfang 30, kommt Magenkrebs extrem selten vor. Meist tritt er erst ab 70 auf. Evelyn braucht etwas Zeit, akzeptiert nach ihrer Diagnose die Krankheit aber bald und nutzt ihre Chance zur Behandlung.

„Ganz, ganz viel Rückhalt und Unterstützung“

Sie nimmt den Kampf mit dem Krebs voller Entschlossenheit auf. „Von Anfang an hab’ ich mit offenen Karten gespielt“, erinnert sich Evelyn. Sich selbst genauso wie anderen gegenüber. Diese Offenheit ebnet ihr Wege. „Ich habe ganz, ganz viel Rückhalt und Unterstützung bekommen“, weiß die 33-Jährige zu berichten.
Ihre einzige Chance liegt in der Chemotherapie und einer Operation, bei der ihr der Magen entfernt wird. In dieser kritischen Zeit weicht ihre Mutter kaum von ihrer Seite, Freunde geben ihr Normalität in der Ausnahmesituation. Ihr Arbeitgeber zeigt größtes Verständnis, Kolleginnen und Kollegen springen ein, wenn es Evelyn besonders schlecht geht.

Der erste Infusionstag ist ein Montag. Kerstin Bornemann, Apothekerin für onkologische Pharmazie und Palliativpharmazie sowie Psychoonkologin, ist schon in der Arztpraxis, als Evelyn eintrifft. Die Apothekerin gehört seither zu den ersten Ansprechpartnern der jungen Krebspatientin.

Chemotherapie: Maßanfertigung aus der Apotheke

Kerstin Bornemann ist Spezialistin für Krebsmedikamente. Die Göttinger Apotheke, für die sie arbeitet, stellt Zytostatika her. Im eigenen Labor, unter hochreinsten Bedingungen, unter strengsten Sicherheitsauflagen und stets nach dem Vier-Augen-Prinzip, um höchste Qualität zu garantieren. Zytostatika sind die bei der Chemotherapie angewendeten Medikamente, die jeweils individuell für den Patienten herzustellen und zu dosieren sind – eine Maßanfertigung. Evelyns Chemotherapie beispielsweise enthält drei Wirkstoffe in einer ganz bestimmten Konzentration.

Die Apotheke lässt Krebspatienten mit ihren Medikamenten nicht alleine. Kerstin Bornemann schaut mit Evelyn gemeinsam über den Medikationsplan, beantwortet bei jedem ihrer Treffen auch noch so kleine Frage dazu. Vor allem bespricht sie die zu erwartenden Nebenwirkungen, bereitet die junge Frau behutsam darauf vor und zeigt Wege auf, sie zu lindern.

Dass ihr die Haare ausfallen werden, dass es dieses unangenehme Kribbeln in den Füßen geben wird, weiß sie somit frühzeitig. Die Überempfindlichkeit gegenüber kalten Temperaturen in den Fingerspitzen und Händen kommt nicht als Überraschung. Auch mit der großen Übelkeit, die sie nach jeder der „Chemos“ durchleidet, weiß sie dank der Gespräche besser umzugehen. Immer wieder meldet sich Kerstin Bornemann bei Evelyn am Telefon. Sie erkundigt sich, wie es der jungen Krebspatientin geht, steht für spontane Fragen zur Verfügung.

Lebensqualität im Mittelpunkt

Vier chemotherapeutische Infusionen vor der Operation, vier weitere danach benötigt Evelyn. Jeweils fünf bis sechs Stunden kommt sie dafür in die onkologische Facharztpraxis – immer wieder begleitet von ihrer Apothekerin. Nach jedem Infusionstag bekommt sie außerdem immer noch eine Medikamentenpumpe mit nach Hause. Diese gibt noch 24 Stunden lang selbstständig weiter Zytostatika ab und darf erst am Folgetag entfernt werden.
Evelyn besucht ein spezielles Schminkseminar für Krebspatienten auf Empfehlung der erfahrenen Fachapothekerin. „Dass trotz meiner schweren Krankheit und trotz der belastenden Chemotherapie besonders meine Lebensqualität im Mittelpunkt stand, das war gerade zu dieser Zeit eine enorme Hilfe“, bewertet Evelyn heute mit einigen Monaten Abstand den großen Nutzen dieser Gespräche für sie.

Am 2. November 2016 wird Evelyn im Uni-Klinikum Göttingen operiert. Seither lebt sie wieder ohne Tumor, aber auch ohne Magen. Für Evelyn ist klar: „Niemand soll so tun, als dürfe man darüber nicht reden.“

Disziplin und vorausschauende Planung sind seither in Evelyns Leben sehr wichtig. Weil ihr Magen als Speicher für Nahrung fehlt, kann sie nicht mehr viel auf einmal essen. Statt drei größerer Mahlzeiten, wie vor der OP, müsste Evelyn heute sechs bis neun Mal am Tag etwas essen, immer jeweils kleine Portionen – so lautet die allgemeine Empfehlung. Diese extreme Häufigkeit fällt ihr aber schwer. Sie schafft es derzeit, auf bis zu sechs Portionen zu kommen. „Obwohl ich keinen Magen mehr habe, beschäftigt Essen mich rund um die Uhr“, sagt sie und hat dabei ein ironisches Schmunzeln auf den Lippen. Bremsen lässt sich die kreative junge Frau aber auch heute kaum. Sie liebt es, alte Möbelstücke zu renovieren und Kleider zu nähen. Floh- und Stoffmärkte sind ihre Leidenschaft. Begibt sie sich auf die Suche nach besonderen „Schätzchen“, hat sie inzwischen Proviant dabei – selbst wenn sie nur ein Stündchen unterwegs sein will.

Frau Bornemann, wie werden eigentlich Chemotherapien hergestellt?

Wie ist das eigentlich mit …

dem Hungerfühl ohne Magen?
Menschen ohne Magen verspüren ein Hunger- und ein Sättigungsgefühl ganz anders als Menschen mit Magen. Es sind andere Körpersignale, die darauf hinweisen, viel weniger deutlich als ein Magen das machen kann. Deshalb sollten sie Mahlzeiten zu regelmäßigen Zeiten einnehmen und dann immer nur wenig essen.

der Verdauung ohne Magen?
Bekanntermaßen hat der Magen wichtige Aufgaben bei der Verdauung von Nahrung. Doch auch, wenn der Magen entfernt wurde, kann die Verdauung stattfinden. Diese Aufgabe übernimmt dann der Darm. Insbesondere die Sekrete der Bauchspeicheldrüse werden aber nicht mehr in ausreichendem Maße in den Darm abgegeben. Durch die regelmäßige Einnahme von Tabletten müssen diese Enzyme ersetzt werden.

der Ernährung ohne Magen?
Menschen ohne Magen müssen nach dem Eingriff zunächst ausprobieren, welche Lebensmittel sie noch oder wieder vertragen und in welcher Darreichungsform und Zubereitungsart sie sie vertragen. Lebensmittelhygiene ist für sie von besonderer Bedeutung, da ihnen die Magensäure fehlt. Vermeiden sollten sie sehr heiße und sehr kalte Speisen, da es üblicherweise der Magen ist, der Lebensmittel auf Körpertemperatur abkühlt oder erwärmt, damit der Dünndarm nur mit Speisebrei in Körpertemperatur in Berührung kommt. Ebenso zu fettige Lebensmittel sind problematisch. Auch sollte ohne Magen nicht direkt zu den Mahlzeiten getrunken werden, weil Getränke den Transport des Speisebreies zu sehr beschleunigen können.

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