„Nach der Abhängigkeit bin ich endlich wieder frei.“

Anna, 70

Der wache Weg aus der Sucht

Anna neigt ihren Kopf leicht nach vorne. Ihren Blick richtet sie aus dem Fenster des urigen Straßencafés. Für zwei Sekunden. Der 70-Jährigen kommen diese unendlich lang vor. Das ist in ihrem Gesicht zu lesen. Sie überlegt kurz. Dann fixiert sie ihr Gegenüber. „Nein, das möchte ich nicht“, antwortet sie mit fester Stimme, den Augenkontakt haltend – und lässt keinen Zweifel daran, dass es ihr ernst ist mit ihrer Bedingung. „Keine Fotos, auf denen ich erkennbar bin“, lautet diese. „Könnten wir nicht, vielleicht …“ Die Nachfrage des Fotografen lehnt die Geschäftsfrau aus einer großen Stadt am Rhein ab. Höflich, bestimmt, selbstsicher. Nutzen und Risiko eines womöglich anderslautenden Entschlusses hat sie unverkennbar abgewogen. Da weiß jemand, was sie will. Vor allem, was nicht.

„Nein, das möchte ich nicht.“ Alle, die Anna näher kennen, wissen, dass sie einen starken Willen hat. Dass sie die Disziplin in Person ist. Dass sie belesen ist. Dass sie sich auskennt im Leben. Kaum jemand, der Anna näher kennt, weiß, dass es diese eine Episode gibt, mit der sie keinesfalls aufs Foto will: ihre Schlafmittelabhängigkeit.

Auch wenn die Vergangenheit ist. „Abgehakt“, wie Anna in ihrer typisch sachlichen Art sagt. Um ihren richtigen Namen, ihren Wohnort und um ihr Gesicht müsse kein großes Aufhebens gemacht werden, betont sie.

„Ich fühlte permanent Unruhe.“

Rückblende – vor 14 Jahren in Annas Leben: „Ich fühlte permanent Unruhe, kam mit der hormonellen Umstellung im Klimakterium nicht klar“, erinnert sie sich. „Es fiel quasi vom Himmel.“ Tagsüber holt sie sich mit Arbeit auf den Boden zurück. Nachts weiß sie ihren permanent rasenden Gedanken, den Stimmungsschwankungen, ihrer Nervosität und den Schweißausbrüchen nichts entgegen zu setzen. Sie rauben ihr den Schlaf. Nicht einmal für eine kurze Minute döst sie weg. Das steigert ihre Unruhe und ihren Stress noch mehr.

„Du siehst jeden Tag schlechter aus“, hört sie ihren Ehemann beim Frühstück sagen. Nach der siebten Nacht ganz ohne Schlaf redet sie sich die Situation nicht mehr schön. „Man muss ja weiter funktionieren“, blickt sie zurück. Sie zieht ihren Hausarzt ins Vertrauen.

Der beruhigt sie und hilft ihr. Mit Zopiclon, einem verschreibungspflichtigen Schlafmittel. Er klärt seine Patientin ausführlich über die Risiken auf. „Nicht zu viel, nicht zu lange davon“, fasst Anna für sich das Gespräch zusammen. Sie ist sicher, das verinnerlicht zu haben.

Wieder zu Hause angekommen an jenem Donnerstagabend vor 14 Jahren, freut sie sich tatsächlich darauf, ins Bett zu gehen, zum ersten Mal seit langem. Sie setzt sich auf die Bettkante, drückt eine Tablette aus der Packung, nimmt diese zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, bricht vorsichtig ein Viertel davon ab, legt es sich auf die Zunge und trinkt ein ganzes Glas Wasser hinterher. Genau so, wie der Hausarzt ihr das aufgetragen hat.

Als sie ihren Kopf tief ins kühle Kissen drückt, sich die flauschige Decke ans Kinn zieht, spürt sie, wie ihre Gedanken sich ordnen – wie sie sich beruhigt. Sie schläft. Sie träumt. Sie wacht achteinhalb Stunden später ausgeruht auf. Mit dem Gefühl, als könne sie Bäume ausreißen. „Ich war meinem Arzt unendlich dankbar“, sagt sie über ihren ersten Gedanken an jenem Morgen.

Apotheker Dr. Ernst Pallenbach bestätigt sowohl die Wirkung von Schlafmitteln als auch diese Eindrücke von Anna. „Schlafmittel können in schwierigen Lebensphasen sehr hilfreiche Medikamente sein – solange sie zurückhaltend dosiert und nur über einen kurzen Zeitraum angewendet werden“, erklärt er. „Das ist wahrlich kein Teufelszeug.“ Sein Engagement gilt der möglichst engen Kooperation zwischen Ärzten und Apotheken. „Damit gute Medikamente gut bleiben, bedarf es guter Beratung“, so der Apotheker, der Kolleginnen und Kollegen in Suchtpharmazie fortbildet. Dr. Pallenbach, unter anderem Autor des Buches „Die stille Sucht“, ist als Experte gefragt, wenn Menschen mit der Abhängigkeit von sogenannten benzodiazepinhaltigen Beruhigungs- und Schlafmitteln zu kämpfen haben.

Und diese Abhängigkeit ist beileibe keine Randerscheinung. In Deutschland sind heute mehr als 1,2 Millionen Frauen und Männer abhängig von Schlafmitteln. Bereits nach sechs bis acht Wochen können sie zur Sucht führen und zur Krankheit werden. Besonders betroffen von dem Missbrauch der beruhigenden Medikamente sind Menschen über 65 Jahren.

„Suchtpotenzial? Habe ich nicht in meinem Leben.“

Eine von 1,2 Millionen: Niemals hätte Anna sich als Betroffene inmitten dieser Statistik gesehen. „Suchtpotenzial? Habe ich nicht in meinem Leben. Eigentlich“, behauptet sie. Dennoch: Nach zwei Wochen beruhigenden Schlafes meint Anna, wieder schlechter einschlafen zu können. Nur noch halb bricht sie deshalb die Tablette durch. Später gar nicht mehr. Sie schluckt sie ganz. „Je länger ich die nahm, umso unruhiger wurde mein Schlaf. Ich träumte auch nicht mehr“, weiß sie zu berichten.
Zugleich steigt ihr Blutdruck. „Obwohl ich immer gesund gelebt hatte.“ Um ihn zu senken, nimmt sie schließlich Beta-Blocker. Keine Bedenken? „Doch natürlich“, entgegnet Anna. Allerdings: Immer dann, wenn sie mal auf das Schlafmittel verzichtet, geht es ihr noch viel schlechter. Ihr Blutdruck steigt dann nochmals an – ihre Schlaflosigkeit erscheint ihr schlimmer als jemals zuvor.

„Rebound“, Rückschlag, nennen das Ärzte. Wer plötzlich Schlaftabletten weglässt, spürt zumeist Tage später, dass sich der Schlaf verschlechtert. Häufig noch stärker als es ursprünglich der Fall war. Das hört nach wenigen Tagen auf. Bei allen, die diese Geduld aufbringen. Viele Betroffene aber deuten ihre wiederauftretende Schlafstörung falsch: Sie meinen, ohne Tabletten gar nicht mehr richtig schlafen zu können. Das wiederum ist einer der markanten Auslöser für Medikamentenabhängigkeit. Wie bei Anna. Sie ist derweil bei einer Dosis von anderthalb Tabletten jeden Abend angekommen. Trotz deutlichem Widerspruch ihres Hausarztes. Ohne diese anderthalb läge sie doch ab drei Uhr wach. Behauptet sie.

Anna, was würdest du Leuten empfehlen, die befürchten, von Schlafmitteln abhängig zu sein, und davon loskommen wollen?

Auf der Suche nach Hilfe

Dreizehn Jahre lang leidet Anna in diesem Kreislauf. Blutdruckwerte, die einen Schlaganfall immer wahrscheinlicher machen, gehören in diesen Jahren zu ihrem Alltag. Da Schlafmittel entspannend auf Muskeln wirken, sackt Anna nun auch manchmal in sich zusammen. Sie fällt hin, stürzt. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel. „Jetzt ist es völlig vorbei“, sagt sie sich – und erkennt damit endlich die überdeutlichen Warnsignale. Nur, was soll sie tun? Fragt sie sich immer wieder aufs Neue. Einen stationären Entzug in einer Klinik schließt sie für sich aus.
Ein Zeitungsartikel über ein Pilotprojekt der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände bringt ihr die Antwort. In diesem dreijährigen, von Apotheker Dr. Ernst Pallenbach geleiteten Projekt wurden Schlafmittel-Süchtige unter ärztlicher Aufsicht über Risiken und Nebenwirkungen des eigenen Medikamente-Konsums systematisch und ausführlich aufgeklärt. Fast die Hälfte konnte nach Ablauf des Projekts auf die Schlafmittel verzichten, über ein Viertel der Abhängigen wurde zumindest auf eine niedrigere Dosis eingestellt.

„Guten Morgen, ich bin eine Betroffene, will von Schlafmitteln loskommen, weiß aber nicht wie“, sprudelt es aus Anna heraus, als sie Dr. Pallenbach am Telefon hat. „Mit mir und Ihrem Arzt“, entgegnet ihr der Apotheker aus dem Schwarzwald mit ruhiger Stimme.
Anna ist die erste, die sich aus gänzlich eigenem Antrieb wegen eines ambulanten Entzugs bei ihm meldet. Dr. Pallenbach stellt daraufhin seine Methode, deren Besonderheit die motivierende Gesprächsführung ist, Annas Hausarzt vor. Die beiden kooperieren fortan eng – und eröffnen Anna so den Einstieg in den Ausstieg.
Dass es noch fast ein Jahr dauern soll, bis Anna ohne Schlafmittel schläft, quittiert Dr. Pallenbach mit einem gelassenen Lächeln. „Es dauert so lange, wie es dauert“, erklärt er Anna, als diese ihre Sorge äußert, dass er als Berater doch ungeduldig mit ihr werden müsse. Wird er nicht.
Ihr Arzt stellt Anna kontrolliert auf ein anderes Schlafmittel ein. Weil das noch exakter zu dosieren sei. Insbesondere in den ersten drei Wochen, als die Dosis zurückgeführt wird, leidet Anna unter heftigen Entzugserscheinungen. „Im Grunde konnte ich in dieser Zeit nicht arbeiten“, berichtet sie heute. „Durchhalten. Es wird besser, versprochen!“, schreibt Apotheker Dr. Ernst Pallenbach ihr in E-Mails. „Seine stetige Versicherung, dass es besser wird, hat mir Kraft gegeben“, sagt Anna in der Rückschau. „Alleine hätte ich das niemals geschafft.“

Ein halbes Jahr später, im Sommer, befindet sie sich mit Ehemann und guten Freunden im Urlaub in Frankreich, in der Provence. Es soll für sie mehr sein als Entspannung – nämlich der Schlüsselmoment, den sie heute als „Wendepunkt“ ihrer so persönlichen Suchtgeschichte bezeichnet. „Was ist das Leben schön“, sagt sie sich da in einem stillen Moment selbst laut vor. „Ich spürte förmlich, wie ich in diesem Moment aus meinem Tunnel heraustrat“, weiß sie sich zu erinnern.

Noch ein halbes Jahr später und sie nimmt zum letzten Mal ihr Schlafmittel. Stress, dass sie auch mal nicht gut einschlafen kann? „Mache ich mir gar nicht mehr“, berichtet Anna sichtlich stolz über das Erreichte. Wenn sie denn mal wach liegt, „freue ich mich über gute Gedanken“, sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Häufige Fragen. Und Vorurteile.

Medikamente sind ein unerlässlicher und segensreicher Bestandteil medizinischer Therapien. Etwa 4 bis 5 Prozent aller verordneten Medikamente besitzen jedoch ein Abhängigkeits- oder Missbrauchspotenzial. Hierzu zählen vor allem Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel. Werden sie nicht bestimmungsgemäß und über einen zu langen Zeitraum eingenommen, so kann sich daraus unbemerkt eine Suchterkrankung entwickeln.

Medikamentenmissbrauch ist noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema. Nicht ohne Grund ist deshalb von der „stillen Sucht“ die Rede, da die Abhängigkeit oft im Verborgenen und unauffällig bleibt. Wenn jemand jahrelang Medikamente einnimmt, fällt das oft nicht auf, denn Medikamentenmissbrauch bereitet der Allgemeinheit keine spürbaren Probleme. Angehörige und Freunde von Betroffenen, die genau hinschauen und hinhören, können dennoch „Warnsignale“ vom Gegenüber empfangen. Zu ihnen gehören unter anderem Stimmungsschwankungen, Interessensverlust und Unzuverlässigkeit. Nochmals deutlicher treten abweisende oder aggressive Reaktionen zutage, immer dann, wenn der Konsum zur Sprache kommt. Auch vernachlässigen Betroffene oft ihre eigentlichen Interessen und Freundschaften. Doch häufig werden bei Senioren diese Symptome nur dem hohen Alter zugeschrieben.

Nach Schätzungen sind etwa 1,4 bis 1,5 Millionen Bundesbürger von Medikamenten abhängig. Medikamentenabhängigkeit gilt nach der Tabakabhängigkeit, noch vor Alkoholabhängigkeit, als zweitgrößtes Suchtproblem in Deutschland. Sogenannte Benzodiazepine, die zu den am häufigsten verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmitteln gehören, stehen an der Spitze der missbräuchlichen Medikamente.
Zwei Drittel der Medikamentenabhängigen sind Frauen. Ab dem 40. Lebensjahr steigt die Zahl der Betroffenen sprunghaft an. Vom 60. Lebensjahr an muss die Medikamentenabhängigkeit als verbreitetes Phänomen bezeichnet werden.

Wer meint, von Medikamenten, wie beispielsweise Schlafmitteln, abhängig zu sein, kann die Sorgen und Bedenken mit seinem Arzt oder Apotheker besprechen. Ein Entzug von Medikamenten sollte immer unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.
Dass Ärzte sich weigern, ihren Patienten weiter Schlafmittel zu verschreiben, ist oft nicht zielführend. Denn dann besorgen sich Abhängige das Präparat woanders, dort, wo man sie nicht kennt – bei einem fremden Arzt oder im Schwarzmarkt. Damit entfernen sie sich von einer Suchtberatung und vom Weg hinaus aus der Sucht.
Medikamentenabhängigkeit ist als Krankheit anerkannt. Die Kosten für Entwöhnungstherapie sowie Nachsorgebehandlung werden von den Rentenversicherungsträgern, der Beihilfe oder den Krankenkassen getragen.

Herr Dr. Pallenbach, woran erkenne ich, dass mir die Einnahme von Schmerzmitteln nicht mehr gut tut und eine Abhängigkeit bestehen könnte?

Konzept mit Motivation

Aktives Zuhören, Wertschätzung und Akzeptanz des inneren Zwiespalts vom Gegenüber: Sie bilden die Basis der „Motivierenden Gesprächsführung“, die so wichtig ist gegenüber Medikamentenabhängigen. „Niemandem sollte etwas weggenommen oder von anderen aufgedrückt werden“, erklärt Apotheker Dr. Ernst Pallenbach, der dieses Konzept beim Entzug befürwortet. Die Patienten müssen es selbst wollen. Sie sollten ihre eigene Motivation finden. Zuwendung und offene Kommunikation sind da von großer Bedeutung. Beispielsweise Begriffe wie „Sucht“ und „Entzug“ beziehen die meisten Medikamentenabhängigen nie auf sich selbst. Experte Pallenbach spricht deshalb von „Gewöhnung“ und „Abdosierung“. Dieses Konzept war in einem Modellprojekt mit Hausärzten und wohnortnahen Apotheken erfolgreich. Die Grundidee war, dass Ärzte und Apotheker eng zusammenarbeiten und so den Patienten niedrigschwellige Hilfe anbieten. Durch eine stufenweise Verringerung der Dosis gelang den meisten Patienten der Ausstieg aus der Medikamentenabhängigkeit. Und mehr noch: Sie gewannen deutlich an Lebensqualität.

Für eine Beratung in der Apotheke sind keine Termine nötig. Niemand muss dort lange warten. Apotheken haben diskrete Räume, die vertrauliche Beratungen ermöglichen.

„Schlafmittelsucht? Ich bin doch kein Drogen-Junkie!“

Schlafmittelsucht und Abhängigkeit von Benzodiazepinen gelten bislang noch immer als großes Tabu-Thema. Auch wenn schon seit mehreren Jahrzehnten immer wieder insbesondere ältere Frauen zu der Tablette als Einschlafhilfe greifen, sprechen die wenigsten offen darüber. Manchen ist es unangenehm, anderen peinlich, andere halten es einfach nicht für wichtig. Auch das Bewusstsein, dass die Tabletteneinnahme irgendwann ein Maß erreicht hat, das eine Abhängigkeit zur Folge hat, wird von Betroffenen nur selten erkannt oder bewusst ignoriert. Abhängigkeit, Sucht und Drogen sind Begriffe, mit denen sich gerade ältere Menschen nicht identifizieren möchten. Deshalb suchen sich die meisten auch keine Hilfe. Sie brauchen deshalb Hilfe von Freunden und Angehörigen, um einen Weg aus der Sucht zu finden.

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